Samstag, 28. Februar 2009

Neue Umwelt - Manila (Gedicht)


Im C1 Kurs haben wir vor ein paar Wochen über "Neue Umwelt" (1985) von Aysel Özakin gesprochen. In diesem Gedicht listet der/die Ich-Erzähler/in verschiedene Bedingungen auf, die, wenn sie erfüllt werden, zu einem Heimatgefühl in der Fremde führen. Die Strophen fangen deshalb immer mit "Wenn ich..." an und das Gedicht endet mit "Dann denke ich mir- Hier lebe ich."
Als Hausaufgabe sollte es dann aus der Sicht eines Ausländers in Manila umgeschrieben werden.
Es kam zu wundervollen, lustigen, kuriosen Strophen.
Eines, von Eric Aspi, möchte ich euch nicht vorenthalten. Ich finde, er hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Enjoy!

Neue Umwelt - Manila

Wenn ich den Geschmack nachempfinden kann
Bei einer Gruppe von Männern, die beim Saufen Balut ißt
Und mich zum Biertrinken herzlich einlädt.

Wenn ich mir vorstellen kann
Wie die beiden Mädchen neben einem Bettler
Ihre Blumenketten bei der Hitze auf der Strasse verkaufen.

Wenn ich die Mischung spüren kann
Von Glück und Verzweiflung
Bei den armen Leuten im Elendsviertel
Die immer freundlich lächeln und so glücklich aussehen.

Wenn ich abschätzen kann
Wieviel Zeit ich in der Rush-Hour brauche
Beim unglaublichen Stau in der Stadt zu pendeln
Oder wie lange ich an der Haltestelle noch warten muss
Bis der nächste Zug eigentlich kommt, wenn überhaupt!

Wenn ich mir denken kann
Wie Autofahrer die Strassenschilder nur als Empfehlung betrachten,
Wie sie unaufhörlich hupen und mich nie die Strasse überqueren lassen.

Wenn ich die Suche nach dem Sinn des Lebens nachfühlen kann
Hinter dem traurigen Gesicht einer jungen einheimischen Frau
Die Hand in Hand mit einem alten dicken Europäer herumläuft.

Wenn ich ihre Gedanken gut verstehen
Und die Lösung des Rätsels finden kann.
Dann denke ich mir
Hier lebe ich.

(Eric Aspi)

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